Keine Spuren hat die Wirtschaftskrise bei den württembergischen Weingärtnergenossenschaften bislang hinterlassen. Dies betonte Präsident Gerhard Roßwog vom Baden-Württembergischen Genossenschaftsverband auf der Pressekonferenz Weinherbst Württemberg des Verbandes bei der Remstalkellerei in Weinstadt-Beutelsbach (Rems-Murr-Kreis). Die württembergischen Weingärtnergenossenschaften behaupteten ihren Umsatz im Weinwirtschaftsjahr (31. Juli) mit 241 Mio. Euro (- 0,8 Prozent). Der Sektabsatz kletterte sogar auf einen neuen Rekordwert. „Unsere regionalen Spezialitäten und die Vielfalt unserer Rebsorten sorgen für Stabilität. Die Weingärtnergenossenschaften bleiben die wirtschaftliche Grundlage des Weinbaus in Württemberg.“
Ausschlaggebend für die gute Marktentwicklung waren bessere Preise, die am Markt erzielt werden konnten. Die Weingärtnergenossenschaften haben damit über Jahre hinweg ihre durchschnittlichen Verkaufserlöse steigern können. „Wir bewegen uns mit unseren Qualitäten an der Preisspitze im Lebensmittelhandel“, betonte Roßwog. Im LEH würden in Deutschland zum Beispiel nur 8 Prozent der Weine in der Preisklasse über 3 Euro (je 0,75-Liter-Flasche) verkauft, Württemberger Genossenschaftsweine sind zu 22 Prozent in diesem Preissegment vertreten.
„Die Sektkorken knallen wie noch nie“
Mit 85,0 Mio. Liter haben die württembergischen Weingärtnergenossenschaften der Menge nach 2,7 Prozent weniger Wein verkauft als im Vorjahr. Dies macht im Vergleich zur Umsatzentwicklung deutlich, dass die Wertschöpfung erhöht werden konnte. Roßwog wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass deutscher Wein im 1. Halbjahr in einem rückläufigen Gesamtmarkt (- 3,1 Prozent) insgesamt einen Absatzrückgang von 5,2 Prozent hinnehmen musste, zu Gunsten von Wettbewerbern aus dem europäischen Ausland.
Der Verkauf von Sekt und Perlwein hat zwar nur einen Anteil von 0,8 Prozent, aber er signalisiert das Gegenteil von Krisenstimmung. „Die Sektkorken knallen wie noch nie“, sagte Roßwog. Die württembergischen Weingärtnergenossenschaften steigerten ihren Sektabsatz im Geschäftsjahr um 11,6 Prozent auf den neuen Rekordstand von fast 870.000 Flaschen.
Zur weiteren Marktentwicklung zeigte sich Roßwog vorsichtig. Das Konsumklima sei anhaltend gut. „Alle wissen: Der Verbraucher ist zurzeit die einzige Stütze der Wirtschaft. Alle wissen aber auch, dass die Situation am Arbeitsmarkt wesentlich ist für die Konsumlaune.“
Zwischenbilanz des Trollinger-Jahres: „Der Trollinger ist der Liebling der Verbraucher“
Ulrich-M. Breutner, Vorstandssprecher der Werbegemeinschaft Württembergischer Weingärtnergenossenschaften eG, Möglingen, zog in Weinstadt eine erste Zwischenbilanz des Trollinger-Jahres 2009. „Wir kommen mit dem Trollinger-Jahr genau richtig“, resümierte Breutner. „Der Trollinger ist der Liebling der Verbraucher.“ Dies ist das Ergebnis einer aktuellen Verbraucher¬befragung in Württemberg und im bayerischen Schwaben.
„Er ist beliebt, wird getrunken und er wird auch weiterempfohlen wie kein anderer.“ Das gelte über alle Zielgruppen hinweg, wobei vor allem die Avantgarde-Weintrinker, die aufgeschlossenen 25- bis 34-Jährigen, ihn als modernen Wein einstufen. „Württemberg muss sich schon lange nicht mehr für seinen Trollinger entschuldigen.“ Der beliebteste Württemberger für besondere Stunden ist nach der Studie der Samtrot.
Breutner ist auch mit dem Ansehen der Württemberger Genossenschaftsweine am Markt insgesamt sehr zufrieden. „Württemberger Weine haben beim Verbraucher ein sehr gutes Image. Sie werden mit hoher Qualität sowie mit vollmundigen und bekömmlichen Rotweinen verbunden und schmecken den Konsumenten sowohl zu deftigem wie stilvollem Essen.“ Den Slogan „Kenner trinken Württemberger“ kannten 45 Prozent der Befragten ungestützt. „Das finden Werbeforscher so schnell nicht wieder.“
Das neue Trollinger-Profil
Wichtig sei jetzt, die Arbeiten am Weinprofil des Trollingers zügig voranzutreiben. „Der Verbraucher muss in der Flasche das wiederfinden, was er erwartet, sonst kauft er beim nächsten Mal einen anderen Wein.“ Die Ergebnisse eines Arbeitskreises sollen im nächsten Schritt am Markt getestet werden. „Fruchtig, feinherb, leicht: das sind die typischen Attribute für einen Trollinger.“
Trollinger auf neuen Wegen: trollinger2punkt0
Mehr denn je sei es wichtig, die unterschiedlichen Zielgruppen für Wein auf unterschiedliche Art und Weise anzusprechen. „Wir machen einen Spagat zwischen Jung und Alt“, sagte Breutner. Das gelte auch für die Trollinger-Profilierung. Die klassischen Trollinger-Trinker der Generation 40-plus werden unter dem Slogan „Daheim in Württemberg“ angesprochen. „Hier geht es um die Qualität der Produkte, um die typische Landschaft, um das Bedürfnis nach Heimat und Verlässlichkeit.“ Trollinger sei heute das Synonym schlechthin für die Weinbauregion, innerhalb wie außerhalb Württembergs.
Parallel dazu ebnet Breutner dem Trollinger neue Wege in die junge Gene¬ration, will ihn zum Kult-Getränk der Avantgarde machen. Dafür steht der Trollinger Cocktail Contest. „Wir stellen den Trollinger damit in neue, überraschende Zusammenhänge und wollen neue Konsum- und Produktwelten generieren.“ Der Trollinger Cocktail Contest sei etwas Neues in Deutschland. „Renommierte Bartender aus der ganzen Republik haben neue Kreationen mit dem Trollinger geschaffen, bis hinein in die Grand Hotels reichte das Interesse an dem Wettbewerb.“
Der neue Trend, der gesetzt worden sei, ist im Zentrum der Trollinger-Republik aufgenommen worden, berichtete Breutner. „Unsere T2.0-Cocktails haben den Cannstatter Wasen erobert.“ Bereits zur offiziellen Volksfest-Eröffnung kam der Trollinger ausgiebig zu Wort und schon nach dem ersten Volksfest-Wochenende musste Schwabenwelt-Wirt Michael Wilhelmer Trollinger nachordern. „Und das auf einem traditionellen Bierfest!“
Der Jahrgang 2009: Exzellente Qualitäten kommen in die Keller Fruchtige, stoffige und harmonische Weine sind zu erwarten
Die württembergischen Weingärtnergenossenschaften bekommen dank der sonnigen, trockenen Sommer- und Herbstwochen vor der Lese einen ganz hervorragenden, exzellenten Weinjahrgang 2009 in die Keller. Gut die Hälfte der Trauben dürfte im Landesschnitt jetzt im Keller sein, sagte Gerhard Roßwog in Weinstadt. „In dieser Woche könnte ein weiteres Viertel geerntet werden.“
Müller-Thurgau, Kerner, Acolon und weitgehend auch Schwarzriesling sind bereits im Keller. „Die Öchsle-Grade liegen weit über dem Durchschnitt früherer Jahre, bei allen vier Sorten im Schnitt nahe oder sogar im Spätlesebereich“, freute sich Roßwog. Die roten Burgunder, die jetzt noch gelesen werden, Samtrot und Spätburgunder, bringen inzwischen 100 Grad Öchsle mit.
Weit fortgeschritten ist bereits die Lese beim Riesling, der weißen Hauptsorte in Württemberg. Auch hier liegen die durchschnittlichen Öchsle-Werte im Spätlese-Bereich. Beim Trollinger hat letzte Woche die Vorlese begonnen; die rote Renommier-Sorte Lemberger nimmt noch jeden Sonnenstrahl mit.
Allerdings seien die Öchsle-Grade nicht der einzige Qualitätsmaßstab, auch auf die Inhaltsstoffe des Weines komme es an. „Und auch hier passt alles.“ Die Trauben seien außerordentlich gesund und hätten Dank der abwechslungsreichen Witterung besonders viele Mineralstoffe eingelagert. Der Verbraucher dürfe sich auf sehr fruchtige, stoffige und harmonische Weine des Jahrgangs 2009 freuen.
Durch das trockene Herbstwetter mussten die württembergischen Weingärtnergenossenschaften allerdings auch ihre Mengenerwartungen zurückschrauben. Roßwog erwartet mit rund 75 Mio. Liter eine um über 10 Prozent geringere Erntemenge als im Vorjahr (85,4 Mio. Liter). „Gut, dass wir noch Vorräte haben“, unterstrich Roßwog, denn mit seinem hohen Anteil an Prädikatsweinen werde der 2009er überdurchschnittlich lange im Verkauf sein.
Roßwog übt scharfe Kritik am europäischen Weinrecht: „Kulturlandschaft nicht auf dem Altar des freien Marktes opfern“
„Die Europäische Union riskiert, in ganz Europa Kulturlandschaften zu zerstören, die in Jahrhunderten gewachsen sind.“ Die Idee, jeder dürfe Rebstöcke pflanzen, wo er gerade wolle, sei absurd. Mit dieser harschen Kritik wies der baden-württembergische Genossenschafts-Präsident Gerhard Roßwog das Vorhaben der EU zurück, den Anbaustopp für Reben im Jahr 2015 aufzuheben.
Wären die Rebanpflanzungen freigegeben, würden Flächen bald brach liegen, die schwer zu bewirtschaften sind. „Das trifft vor allem die Steillagen.“ Aber gerade die tausend Jahre alten terrassierten Steillagen seien prägend und imagebildend für Württemberg. Das gelte für das Landschaftsbild, aber auch für den Trollinger als Leitsorte, denn Steillagen sind überwiegend mit Trollinger bestockt. Die Kulturlandschaft in Baden-Württemberg würde sich gravierend verändern. „Und dann stirbt als nächstes der Tourismus.“
„Wein ist keine normale Ware. Wer ihn den gleichen Spielregeln unterwerfen will wie ein beliebiges Industrieprodukt, der hat jede Bodenhaftung verloren und ist in eine Scheinwelt des unbegrenzten Wettbewerbs entrückt. Unsere Kulturlandschaft darf nicht auf dem Altar des freien Marktes geopfert werden.“
„Wein ist Vielfalt“, unterstrich Roßwog, „ist die Vielfalt von Landschaften, von Rebsorten, von Genüssen. Wein ist Lebensart.“
„Starkes Marketing ist unverzichtbar“
„Deutschland ist der viertgrößte Weinmarkt und der weltgrößte Importmarkt. Deshalb ist ein aktives und exzellentes Marketing für den deutschen und den Württemberger Wein existenziell wichtig.“ Dazu gehörten schlagkräftige Organisationen, unterstrich Roßwog.
Er stellte die Werbegemeinschaft Württembergischer Weingärtnergenossenschaften eG, Möglingen, heraus, in der seit Jahrzehnten alle Weingärtnergenossenschaften zusammenarbeiten, um mit freiwillig finanzierten Maßnahmen den „Kennerkopf“ bekannter zu machen, die erreichte Qualität dem Kunden zu kommunizieren.
Auf nationaler Ebene nehme der Deutsche Weinfonds die Aufgabe des gemeinschaftlichen Marketings wahr. „Ich weiß, dass die Finanzierung des Weinfonds durch Pflichtabgaben der Weinwirtschaft auf dem verfassungsrechtlichen Prüfstand steht.“ Darüber dürfe aber nicht vergessen werden, dass die deutsche Weinwirtschaft auf eine derartige Einrichtung nicht verzichten kann. Der Weinfonds leiste wichtige Beiträge auf den Gebieten Marktforschung, Exportförderung sowie Schulungen und Seminare. „Unsere internationalen Wettbewerber auf dem deutschen Markt haben aus gutem Grunde ebenfalls eine solche Einrichtung. Wir haben unseren Genossenschaften deshalb den Rat gegeben, zum Weinfonds zu stehen.“
Neues Bezeichnungsrecht ist Risiko und Chance
Das neue Bezeichnungsrecht für Wein schaffe eine neue Vielfalt von Möglichkeiten. „Sie sind für den Verbraucher schwer zu verstehen.“ Desto größer sei die Herausforderung an die württembergischen Weingärtnergenossenschaften, durch hohe Qualität, ein klares Profil und durch ein starkes Marketing den Verbraucher zu den Weinen zu führen, die er sucht. „Woran erkennt der Verbraucher zukünftig Qualität? Das ist die Kernfrage.“
Roßwog sieht darin vor allem die Chance, klare Rebsortenprofile mit der Herkunft zu verknüpfen. „Dabei kann das Weinprofil, das wir für den Trollinger diskutieren, eine wichtige Rolle spielen.“ Auch der Justinus K, der den Kerner im gehobenen Segment neu positioniert hat, sei ein Schritt in diese Richtung.
Die Herausforderung für die Genossenschaften und die Weinwirtschaft in Württemberg insgesamt heiße nun, zügig die neuen Möglichkeiten auszuloten und sich auf gemeinsame Konzepte zu verständigen. „Neue Konzepte können bereits mit dem Jahrgang 2010 umgesetzt werden.“ Mehr denn je sei aber auch jede Weingärtnergenossenschaft gefordert, sich selbst als Qualitäts-Marke zu profilieren.
12. Oktober 2009


