Mit einem Umsatzwachstum von fast 9 Prozent war 2008 noch ein Boomjahr für die Waren- und Dienstleistungsgenossenschaften in Baden-Württemberg; im Krisenjahr 2009 mussten sie einen Umsatzrückgang von 6,4 Prozent auf 8,1 Mrd. Euro hinnehmen. Ausschlaggebend war der massive Preissturz bei vielen Nahrungsmitteln und bei Energie. Dagegen gehörte der Wein zu den stabilen Branchen; bei Elektroartikeln ging es bergauf und die Sportbranche beschleunigte sogar stark.
Ein Boomjahr war 2009 in anderer Hinsicht: Mit 34 neugegründeten Genossenschaften wurde ein Rekordstand erreicht. Schwerpunkt waren die Bürger-Energiegenossenschaften. „Wir erleben ein Interesse an der genossenschaftlichen Idee, wie wir es vor wenigen Jahren noch nicht für möglich gehalten hätten“, betonte Präsident Gerhard Roßwog vom Baden-Württembergischen Genossenschaftsverband auf der Jahrespressekonferenz des Verbandes.
Dramatische Preisrückgänge für die Landwirte
Roßwog stellte heraus, dass die Nahrungsmittelpreise in Deutschland im vergangenen Jahr um zwei Prozent zurückgegangen sind. Dahinter verberge sich ein dramatischer Preissturz bei Milch und Getreide, bei Gemüse und Äpfeln, der die Landwirte im Land hart treffe. Die Milcherzeuger bekamen im Durchschnitt 30 Prozent weniger ausgezahlt als 2008. Kopfsalat wurde dem Verbraucher für ganze 9 Cent angeboten, sodass einheimische Erzeuger erntereife Ware unterfräsen mussten.
Als besonders besorgniserregend bewertet der Genossenschaftspräsident die Situation bei der Milch. „Die Lage für die Milcherzeuger ist dramatisch, der Übergang von der Intervention in die Marktwirtschaft zeigt sehr harte Ecken und Kanten.“ Damit gehe eine Entsolidarisierung unter den Milchbauern einher, viele wollen die Bindung an ihre Milchlieferverträge aufweichen. Krisen könnten aber nur gemeinsam gelöst werden. Roßwog rief dazu auf, den genossenschaftlichen Grundsatz „Einigkeit macht stark“ mit neuem Leben zu füllen. Mit den genossenschaftlichen Milchwerken, die im Schnitt zwei bis drei Cent je Kilo mehr Milchauszahlungspreis erwirtschaften als in Norddeutschland, hätten sie dafür starke Partner in Baden-Württemberg.
Die großen Trends sprechen für die regionalen Erzeuger
Zuversichtlich ist Roßwog, was die Entwicklung der Märkte angeht. „Unsere Volkswirtschaft hat sich gefangen, die Verbrauchernachfrage ist zwar immer noch labil und die Preisschlachten im Einzelhandel gehen immer noch weiter, aber der Verbraucher schaut in der Krise wieder mehr nach Qualität.“ Und es gebe gewichtige Trends, die den einheimischen Nahrungsmittelproduzenten zugute kommen. „Der Verbraucher möchte wieder wissen, woher die Lebensmittel kommen, wie und unter welchen Umständen sie produziert und angebaut werden. Deshalb schaut er verstärkt nach regionalen Produkten, er will sich gesund ernähren, er erwartet vertrauenswürdige Produkte und Nachhaltigkeit.“ Auch die Nachfrage nach Bioprodukten gewinne weiter an Gewicht.
Deshalb zeigte sich Roßwog zuversichtlich, dass die einheimische Qualität gegenüber dem Billigpreis Zukunft hat. „Über die Regionalität müssen wir uns differenzieren. Wir haben bereits viele gute regionale Marken, aber wir brauchen noch mehr und wir müssen sie noch intensiver kommunizieren, damit der Verbraucher weiß, was das Besondere daran ist und warum das Produkt einen höheren Preis hat.“
21. April 2010


