Gesucht war der gemeinsame Nenner: zwischen einer Weingärtnergenossenschaft und einer Volksbank, dem Verbund deutscher Kachelofen- und Luftheizungsbauerbetriebe HAGOS und einer Raiffeisenbank oder zwischen dem Wohnungsbau und der Taxi-Auto-Zentrale oder der BÄKO. „Ein unsichtbares Band hält sie zusammen, macht sie zum Teil einer großen Familie“, erklärte Verbandsdirektor Herbert Schindler vom Baden-Württembergischen Genossenschaftsverband am Dienstag anlässlich eines Pressegesprächs. „Es geht um die Rechtsform der eingetragenen Genossenschaft.“ Immerhin sei jeder dritte Einwohner in unserem Bundesland Mitglied einer Genossenschaft.
Genossenschaftstag am Samstag, 3. Juli
Am kommenden Samstag wollen zahlreiche Genossenschaften aus der Region Stuttgart ihre Rechtsform erlebbar machen und einen Einblick geben, wer alles zu der großen genossenschaftlichen Familie gehört. Der „Genossenschaftstag“ wird um 11 Uhr von Wirtschaftsminister Ernst Pfister als Schirmherr und Herbert Schindler auf dem Stuttgarter Schloßplatz eröffnet.
Drei Königinnen auf dem Schloßplatz
Drei Königinnen geben sich an diesem Tag die Ehre: Weinkönigin Juliane Nägele, Brezelkönigin Mona Schmidt und Apfelkönigin Sonja Heimberger. Moderator Jochen Graf wird die Hoheiten um 13 Uhr zum Interview auf die Bühne bitten. Um 14 Uhr spenden die Genossenschaften jeweils 2.500 Euro an das Frauenhaus Stuttgart und an die Olgäle Stiftung für das kranke Kind. Natürlich ist für Essen und Trinken gesorgt und für gute Unterhaltung für Groß und Klein vom Torwandschießen über einen Formel-1-Rennwagen bis zum Kinderschminken und zum Show-Truck.
Die Information soll dabei nicht zu kurz kommen: Zahlreiche Volksbanken und Raiffeisenbanken aus der Region stellen sich vor, die württembergischen Weingärtnergenossenschaften, Baywa, HAGOS und BÄKO, die Stuttgarter Wohnungsbau Genossenschaften, die Genossenschaft württembergischer Friedhofsgärtner, die Vitfrisch-Gemüse-Genossenschaft, die Taxi-Autozentrale Stuttgart. Am Stand des Baden-Württembergischen Genossenschaftsverbandes wird erläutert, wie sich schon ab drei Mitgliedern eine Genossenschaft gründen lässt. Dort erklären die Gründer von jungen Genossenschaften, warum sie es gemacht haben: für den Maschinenbau, für Designer, für Kinderärzte, für Reisebüros, für Mediatoren.
Anlass: der Internationale Tag der Genossenschaften
Der erste Samstag im Juli ist der Internationale Tag der Genossenschaften; dies hat die Generalversammlung der Vereinten Nationen im Jahr 1992 beschlossen. Das ist der Anlass für den Genossenschaftstag, der erstmals in Stuttgart stattfindet, so Schindler. In diesem Jahr heißt das Motto der Vereinten Nationen „Genossenschaften stärken Frauen“. Schindler wies dazu darauf hin, dass 21 Frauen Vorstandsmitglied bei einer der 234 Volksbanken und Raiffeisenbanken in Baden-Württemberg sind, darunter zwei Vorstandsvorsitzende. 19 Frauen seien Aufsichtsratsvorsitzende von Volksbanken und Raiffeisenbanken oder Waren- und Dienstleistungsgenossenschaften.
Die Idee hinter der Rechtsform
„Immer heißt der genossenschaftliche Grundgedanke: Wir bündeln unsere Kräfte, um gemeinsam etwas zu bewegen, als Hilfe zur Selbsthilfe, um selbstbestimmtes Handeln zu ermöglichen.“ So beschreibt Herbert Schindler die Idee, die hinter der „eingetragenen Genossenschaft (eG)“ steckt. „Selbstbestimmt, nicht fremdbestimmt ist der Wesenszug von Genossenschaften.“
Eigenverantwortung und Selbstverwaltung seien die zwei großen Säulen jeder Genossenschaft. Die dritte Säule sei die Solidarität. „Ein Mitglied – eine Stimme“ heiße das demokratische Grundprinzip. Das bedeute, dass sowohl „größere“ wie „kleinere“ Mitglieder, unabhängig von ihrer Kapitalkraft, gleichgewichtet sind, dieselben Rechte und dieselben Pflichten haben.
Im Zeichen der Globalisierung sei ein weiterer Aspekt von Bedeutung: Die Rechtsform der Genossenschaft schließe eine feindliche Übernahme aus. Strukturelle Veränderungen seien nur mit Dreiviertel-Mehrheiten möglich. „Dies verleiht unserer Unternehmensform eine große Stabilität.“
Genossenschaftsverband verzeichnet Gründungsboom
Der Genossenschaftsverband verzeichne in den letzten Jahren einen regelrechten Gründungsboom von Genossenschaften, sagte Schindler in diesem Zusammenhang. „Im Jahr 2009 konnte der Baden-Württembergische Genossenschaftsverband 34 junge Genossenschaften als neue Verbandsmitglieder begrüßen.“
Die Überarbeitung des Genossenschaftsgesetzes im Jahr 2006 habe dazu wesentliche Impulse gegeben. Nun kann eine Genossenschaft über den wirtschaftlichen Auftrag hinaus auch auf die sozialen oder kulturellen Belange der Mitglieder ausgerichtet sein. Darüber hinaus wurden Regelungen eingeführt, die die Neugründung von Genossenschaften erleichtern.
Mit einer gemeinsamen Genossenschaftsinitiative werben das Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg und der Genossenschaftsverband für mehr Kooperation im Mittelstand.
Volksbanken Raiffeisenbanken
Die genossenschaftliche Gruppe der Volksbanken Raiffeisenbanken charakterisierte Ute Jautelat, Vorstandsmitglied der Löchgauer Bank eG. Die genossenschaftliche Rechtsform, die Mitgliedschaft, binde die Volksbanken und Raiffeisenbanken an die Menschen und an die mittelständischen Unternehmen einer Region, betonte sie. „Volksbanken Raiffeisenbanken stehen im Dienste der Realwirtschaft in der Region, sie sind konsequent auf das Geschäft mit ihren Mitgliedern und Kunden in ihrem Geschäftsgebiet ausgerichtet.“ Dieses Geschäftsmodell habe sich im weltwirtschaftlichen Orkan der Finanzkrise hervorragend als nachhaltiges Geschäftsmodell bewährt.
„Wir waren nicht unter den Verursachern der Krise, wir waren und sind ein Pfeiler der Stabilität für den Mittelstand, wir geben nach wie vor Kredit. Deshalb sehen wir es als grobe Ungerechtigkeit an, wenn auch unsere Gruppe mit einer Bankenabgabe belastet werden würde“, unterstrich Ute Jautelat zum Profil ihrer Gruppe.
In Baden-Württemberg gibt es 234 Volksbanken und Raiffeisenbanken mit zusammen 3.303.323 Mitgliedern. Das bedeutet: Jeder dritte Einwohner in unserem Bundesland ist Mitglied einer genossenschaftlichen Bank.
Raiffeisen-Genossenschaften
Ulrich-M. Breutner, Vorstandssprecher der Werbegemeinschaft Württembergischer Weingärtnergenossenschaften eG in Möglingen, zeigte auf, wer alles zur Gruppe der Raiffeisen-Genossenschaften zählt. „Für alle Märkte, auf denen sich Landwirte bewegen, haben sie Genossenschaften gegründet. Das gilt für die Vermarktung von Getreide und Milch, Obst und Gemüse, Wein und Vieh. Die Raiffeisen-Genossenschaften versorgen ihre Mitglieder aber auch mit Betriebsmitteln, z. B. Futtermittel, Düngemittel, Maschinen; sie bündeln die Nachfrage, um günstige Preise zu erzielen.“
„Die genossenschaftliche Unternehmensphilosophie ist in der Landwirtschaft aktuell wie eh und je“, unterstrich Breutner. Es gehe darum, die Kräfte gegenüber mächtigen, stark konzentrierten Partnern auf der anderen Seite des Marktes zu bündeln. „Die Genossenschaft ist der verlängerte Arm der Landwirte bis in die Regale des Einzelhandels hinein.“ Dabei bewahre sich der Landwirt ein Mitspracherecht. „Die ehrenamtlichen Vertreter der Landwirte im Vorstand und im Aufsichtsrat einer Genossenschaft bestimmen die Investitions-, Produktpolitik und Vermarktungsstrategie. Über die Rechnungslegung vor den Mitgliedern in der Generalversammlung und mit Unterstützung der genossenschaftlichen Prüfung sind Genossenschaften für ihre Mitglieder gläserne Unternehmen.“
In Baden-Württemberg stehen 388 landwirtschaftliche Genossenschaften im Dienste ihrer Mitglieder. Rund 116.000 Landwirte aus dem ganzen Land sind als Mitglieder die Eigentümer dieser Genossenschaften.
Gewerbliche Genossenschaften
Guido Eichel, Vorstandsmitglied der HAGOS Verbund deutscher Kachelofen- und Luftheizungsbauerbetriebe eG in Stuttgart, stellte die Gruppe der gewerblichen Waren- und Dienstleistungsgenossenschaften vor. In dieser Gruppe sind vor allem Fach-Einzelhändler und Handwerker zusammengeschlossen. „Die Genossenschaften sind dort unentbehrlich, um die selbstständige Existenz des Mittelstandes zu sichern“, betonte Eichel.
Darüber hinaus gebe es eine große Vielfalt von Dienstleistungs- und weiteren Genossenschaften. „Gerade diese Vielfalt zeigt, wie die Rechtsform der eingetragenen Genossenschaft lebt, auf wie viele Bedürfnisse sie anzuwenden ist: auf Omnibusunternehmer und Fachübersetzer, auf Ärzte und Schulen, auf Designer und Reisebüros, auf Dorfläden, auf die Energieerzeugung und auf den Maschinenbau genauso wie auf Pflegeheime.“
In Baden-Württemberg stehen 140 gewerbliche Genossenschaften, große wie kleine, lokale wie international aktive, im Dienste von 30.000 Mitgliedern.
Wohnungsbau Genossenschaften
Klaus-Dieter Kadner, Vorstandsmitglied der Baugenossenschaft Feuerbach-Weilimdorf eG, erläuterte die Besonderheiten der Wohnungsbau Genossenschaften. „Genossenschaftliches Wohnen wird oft als ‚Dritter Weg’ zwischen Eigentum und Miete bezeichnet“, sagte Kadner. Es biete aufgrund des lebenslangen Wohnrechts die Sicherheit von Eigentum und sei dabei so flexibel wie ein Mietverhältnis.
Getreu den demokratischen Grundsätzen der Genossenschaften seien Mitglieder immer auch Miteigentümer und haben somit ein Mitbestimmungsrecht. „Diese Selbstbestimmung fördert den verantwortungsvollen Umgang mit dem genossenschaftlichen Gut und motiviert die Bewohner zu nachbarschaftlicher Solidarität.“ Im Mittelpunkt ihrer Geschäftstätigkeit stehe bei den Genossenschaften die Schaffung lebenswerter Wohnverhältnisse, ergänzte Kadner. Sehr wichtig sei auch, dass die Rechtsform der eingetragenen Genossenschaft Schutz vor Ausverkauf und Eigenbedarfskündigung biete.
Die 15 Wohnungsbau Genossenschaften in Stuttgart sind mit insgesamt 18.600 Wohnungen einer der wichtigsten Wohnungsanbieter in Stuttgart. Das Wohnungsangebot ist vielfältig und auf alle Altersgruppen zugeschnitten – von der Studentenbude über familiengerechtes Wohnen bis zur betreuten Seniorenwohnung.
29. Juni 2010

